Ein sprachlich brillanter Roman über Identität, Macht und Kolonialismus.
Ich wünschte, ich hätte auch nur annähernd die Eloquenz von R.F. Kuang, um nun beschreiben zu können, wie beeindruckt ich von diesem Roman bin.Die Geschichte spielt in einem alternativen Oxford der 1830er Jahre. Der junge Robin Swift wird nach dem Tod seiner Mutter aus Canton nach England gebracht und an der Universität Oxford aufgenommen. Babel, das Herzstück der Übersetzungskunst des britischen Empires, wird seine Ausbildungsstätte. Hier verschmelzen Sprache und Magie. Silberbarren, eingraviert mit Wortpaaren aus verschiedenen Sprachen, entfalten ihre Kraft genau in dem, was bei der Übersetzung verloren geht. Zusammen mit seinen Mitstudierenden Ramy, Victoire und Letty findet Robin dort zum ersten Mal so etwas wie Zugehörigkeit, bis ihm klar wird, dass sein Wissen kein neutrales Werkzeug ist, sondern Teil eines Systems, das ihn zwingt, sich zwischen seiner Herkunft und seinem Platz in Babel zu entscheiden.Was ¿Babel" für mich so besonders macht, ist die Art, wie Kuang mit Sprache selbst spielt. Das Setting ist ungeheuer interessant gestaltet. Kuang zeigt die Eigenheiten verschiedener Sprachen auf, ihre Schönheit, ihre Einzigartigkeit und die Magie, die in Worten steckt. Es geht darum, wie viel Macht Sprache innewohnt, wie viel Kultur sich in ihr verbirgt, und auch darum, dass jede Übersetzung immer auch ein Verrat am Original ist. Genau dieser Gedanke bildet das Fundament des Magiesystems aber eben auch eine metaphorische Darstellung des Systems, in dem sich die vier Protagonist*innen bewegen. Sprache ist Individualität, Übersetzung ist Verrat, und die englische Sprache bedeutet hier Konformismus.Diese Verbindung von linguistischer Reflexion und Magie ist wunderschön beschrieben und macht für mich einen Großteil der Faszination dieses Buches aus.Kuangs Schreibstil ist unglaublich ausdrucksstark und eindrucksvoll. Ihr Schreibstil ist elegant und intensiv, verliert dabei aber nie das Emotionale aus den Augen. Es gelingt ihr, lebendige Protagonist*innen zu schreiben und deren individuelle Schicksale stimmig miteinander zu verweben.Jede der Hauptfiguren trägt ihre eigene Perspektive auf Zugehörigkeit, Loyalität und Widerstand in sich und dennoch bildet sich eine einzigartige Dynamik und enge Freundschaft zwischen ihnen. Besonders Robin, den wir am engsten begleiten, ist von allen Protagonist*innen am stärksten zwischen zwei Welten gefangen. Er hadert lange damit, herauszufinden, was ¿das Richtige" überhaupt ist. Er ist hin- und hergerissen zwischen Anerkennung, persönlichem Glück und dem wachsenden Bewusstsein für das System. Über weite Strecken des Buches ist er ein Sinnbild für all jene, die lieber die Augen vor systemischen Problemen verschließen, um ihre eigene Bequemlichkeit zu wahren. Gerade diese Zerrissenheit macht ihn so glaubwürdig und seine Geschichte so wichtig.Denn neben all der eleganten Sprachtheorie ist ¿Babel" hochgradig politisch und setzt sich kompromisslos mit Themen wie Kolonialismus und Rassismus auseinander. Kuang zeigt, wie eng Sprache, Wissen und koloniale Macht miteinander verwoben sind.¿Babel" ist für mich mehr als ein historischer Fantasy-Roman. Es ist eine literarische Auseinandersetzung mit Sprache, Macht und Zugehörigkeit, verpackt in eine Geschichte, die mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. Sprachlich brillant, inhaltlich stark und emotional zutiefst bewegend.