Es gibt Bücher, die einem eine Autorin schenken, und solche, die einem ein ganzes Werk erschließen. "Der dunkle Sommer" war für mich beides. Es war mein erster Thriller von Vera Buck, und er hat mich so nachhaltig gepackt, dass ich danach "Wolfskinder", "Das Baumhaus" und "Keine Angst, Darling" gelesen habe. Alle drei sind sehr gut, doch dieser hier ist, jedenfalls für mich, der Höhepunkt geblieben.Die Ausgangslage klingt zunächst nach Sehnsuchtsroman: Die deutsche Architektin Tilda, nach dem Tod ihres Vaters italienischer Herkunft in Trauer und auf der Suche nach einem Neuanfang, stößt in seinem Arbeitszimmer auf einen Zeitungsartikel. In Botigalli, einem verlassenen Bergdorf auf Sardinien, werden Häuser für einen Euro angeboten. Tilda greift zu, bricht die Brücken hinter sich ab und stürzt sich in die Renovierung einer verfallenen Villa. Doch das Geisterdorf ist weniger verlassen, als es scheint. Sonntags läuten die Glocken, obwohl niemand zur Messe kommt, und Fremde raunen, auf ihrem Haus liege ein Fluch.Parallel dazu führt Buck uns in die sechziger Jahre, zu der jungen Franca, die in eben jenem Dorf gegen erdrückende Traditionen und das Schweigen der Gemeinschaft aufbegehrt. Diese zweite Zeitebene ist das eigentliche Herz des Romans. Mit großer Einfühlung erzählt Buck von einer Welt, in der Ehre und Gerede über Lebenswege entscheiden und in der ein falsches Wort ein Schicksal besiegeln kann. Man ahnt früh, dass die beiden Frauen durch mehr verbunden sind als durch ein Haus, und rätselt doch bis weit ins Buch hinein, wie genau sich die Fäden verknüpfen.Was diesen Thriller für mich über ihre anderen hebt, ist die Verbindung von Spannung und Atmosphäre zu etwas beinahe Literarischem. Die sardische Sonne wirft hier harte Schatten, die leeren Gassen scheinen zu atmen, und das Schweigen des Dorfes wird zu einer Figur für sich. Buck verlässt sich nicht auf Schockmomente, sondern auf den langsamen Druck des Unausgesprochenen, und gerade das macht die Lektüre so beklemmend. Der Einstieg braucht ein wenig Geduld, bis die Perspektiven ihren Rhythmus gefunden haben. Ist man aber einmal drin, lässt einen die Geschichte nicht mehr los.Im Rückblick, nach der Lektüre der übrigen Bücher, erkennt man die Konstanten ihres Schreibens: die abgeschlossene Gemeinschaft, das verschwundene Leben, die Frage, wie viel Schuld eine Gemeinschaft auf sich lädt, wenn sie wegsieht. In "Wolfskinder" sind es die Berge, im "Baumhaus" die schwedischen Wälder, in "Keine Angst, Darling" die trügerisch makellose Oberfläche. In "Der dunkle Sommer" aber verdichtet sich all das zu ihrem geschlossensten, reifsten Buch, in dem Vergangenheit und Gegenwart einander auf beklemmende Weise spiegeln.Für mich ein ausgesprochen fesselnder, kluger und atmosphärisch dichter Thriller, den ich jedem empfehle, der Spannung mit Tiefgang schätzt. Und für alle, die Vera Buck noch nicht kennen, der ideale Einstieg, so wie er es für mich war.