"Stille" ist der zweite Band aus der Reihe "Kommissar Helgi Reykdal ermittelt". Nachdem mir der erste Band ("Frost") so gut gefallen hatte, war ich nun sehr gespannt und hatte große Hoffnungen auf einen spannenden neuen Fall.
Im Mittelpunkt steht also wieder Kommissar Helgi Reykdal, der mit der Suche nach Elín S. Jónsdóttir beauftragt wird. Die Bestsellerautorin lebt inzwischen zurückgezogen und ist plötzlich spurlos verschwunden. Je mehr Helgi über sie und ihre Vergangenheit herausfindet, desto deutlicher wird, dass längst nicht alles so ist, wie es zunächst scheint. Ich fand die Ausgangslage unglaublich interessant, gerade weil Elín selbst Krimis geschrieben hat. Ausgerechnet jemand, der sein Leben lang Geschichten voller Geheimnisse erschaffen hat, wird nun selbst zum Mittelpunkt eines mysteriösen Falls. Das hat für mich einen ganz besonderen Reiz.
Was mir an diesem Buch besonders gefallen hat, ist der Aufbau. Die Handlung spielt auf mehreren Zeitebenen, die zunächst wenig miteinander zu tun zu haben scheinen. Während Helgi im Jahr 2012 ermittelt, erfahren wir durch ein Interview aus dem Jahr 2005 mehr über Elín und ihr Leben. Hinzu kommen Ereignisse aus den Jahren 1965 und 1976, die nach und nach ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Ich liebe es, wenn ein Kriminalroman seine Hinweise nicht einfach auf dem Silbertablett serviert, sondern mich dazu bringt, die einzelnen Puzzleteile selbst zusammenzusetzen. Hier habe ich mich immer wieder gefragt, welche Verbindungen zwischen den verschiedenen Ereignissen bestehen und wann sich endlich das große Ganze erschließt. Gerade diese Ungewissheit hat mich beim Lesen bei der Stange gehalten.
Sehr gut umgesetzt wurde auch, dass Elín zwar selbst nicht aktiv am Geschehen teilnimmt, durch die unterschiedlichen Perspektiven aber trotzdem eine sehr präsente Figur ist. Je mehr ich über sie erfahren habe, desto neugieriger wurde ich auf ihre Geheimnisse. Gleichzeitig gelingt es Ragnar Jónasson, die einzelnen Handlungsstränge so miteinander zu verweben, dass sich nach und nach ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Einige Entwicklungen konnte ich erahnen, andere haben mich durchaus überrascht. Die Auflösung fand ich durchdacht und gelungen, weil sich die Hinweise rückblickend sinnvoll zusammenfügen.
Auch Helgi ist mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Nachdem ich bereits den ersten Band Frost gelesen hatte, war es schön, ihn erneut bei seinen Ermittlungen zu begleiten. Ich mag seine engagierte Art und dass er trotz seiner persönlichen Schwierigkeiten versucht, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Denn auch privat läuft es für ihn alles andere als einfach. Die Probleme mit seiner Ex-Freundin bringen zusätzliche Unruhe in sein Leben und sorgen dafür, dass nicht nur der eigentliche Kriminalfall Raum bekommt. Gerade diese persönlichen Einblicke machen Helgi für mich greifbarer und geben der Geschichte eine zusätzliche emotionale Ebene. Besonders die Verbindung zur früheren Ermittlerin Hulda fand ich interessant, da ihre Geschichte für mich noch einmal eine ganz eigene Tragik mitbringt.
Die Atmosphäre ist typisch Ragnar Jónasson: kühl, melancholisch und stellenweise beinahe bedrückend. Ich hatte beim Lesen immer wieder dieses Gefühl von Einsamkeit und unterschwelliger Unruhe, das so gut zu einem isländischen Krimi passt. Der Schreibstil ist klar und unaufgeregt, wodurch die Geschichte fast schon nüchtern wirkt. Für mich ist genau das aber eine der großen Stärken des Autors. Er überlässt es den Ereignissen, den Figuren und den Geheimnissen, Spannung zu erzeugen, anstatt jede Szene künstlich dramatisch aufzubauen. Die kurzen Kapitel und die wechselnden Zeitebenen haben zusätzlich dafür gesorgt, dass ich immer weiterlesen wollte.
Insgesamt ist Stille ein atmosphärischer, clever konstruierter Kriminalroman, der nicht auf große Action angewiesen ist, um den Leser in seinen Bann zu ziehen. Wer gerne miträtselt, langsam aufgedeckte Geheimnisse liebt und sich auf eine düstere, melancholische Atmosphäre einlassen möchte, sollte Helgi unbedingt eine Chance geben. Ich bin gespannt auf Band drei.