Eine Reise durch die Hölle, die Dante gefallen hätte: brutal, intelligent und voller schwarzem Humor. Spannende Intrigen zwischen ¿ &¿
Mein Gesamteindruck ¿Mit Happy Hour in der Hölle schickt Tad Williams seinen ungewöhnlichen Engel-Anwalt Bobby Dollar dorthin, wo es wirklich unangenehm wird: in die Hölle. Und die ist tatsächlich höllisch. Stinkend, brutal, bevölkert von den unterschiedlichsten Monstern und in zahlreiche Ebenen unterteilt, die jeweils ihre ganz eigenen Schrecken bereithalten. Williams hat hier eine faszinierende Unterwelt erschaffen, die deutlich differenzierter ist als alle vergleichbare Höllendarstellungen, die ich kenne.Besonders gelungen fand ich die Verbindung aus Dantes Göttlicher Komödie, griechisch-römischer Mythologie und einer spannenden Geschichte über Intrigen zwischen Himmel und Hölle. Gleichzeitig ist Bobby als Held nicht immer ganz einfach zu ertragen. Seine grenzenlose Liebe zu Caz bleibt für mich etwas schwer nachvollziehbar, und auch die Folgen seiner Erlebnisse hätten durchaus tiefgreifender sein dürfen. Trotzdem ist dieses Buch ein außergewöhnlicher Ausflug in eine sehr interessante Unterwelt. ¿Stärken ¿Eine außergewöhnlich detailliert und fantasievoll gestaltete Hölle.Faszinierende Ebenen mit jeweils eigenen Themen und SchreckenGelungene Anspielungen auf Dantes Göttliche Komödie, die 7 Todsünden, die apokalyptischen ReiterInteressante Verbindungen zu griechischer und römischer MythologieVielschichtige moralische und philosophische AspekteSpannende Intrigen zwischen Himmel und HölleGut ausgearbeitet Nebenfiguren mit Charaktertiefe und interessanten EntwicklungenKreative Religion in der HölleAmüsanter Ich-Erzähler im Stil klassischer Hardboiled-KrimisDrei Handlungsstränge sind kunstvoll miteinander verflochtenSchwächen ¿Bobby bleibt trotz extremer Erlebnisse erstaunlich unverändertDie grenzenlose Liebe zu Caz entwickelt sich für meinen Geschmack zu schnellEtwas zu viel Gewalt und Folter auf DauerBobbys Planlosigkeit macht ihn häufig zum reinen Spielball der HandlungBekannte Figuren aus dem ersten Band fehlen weitgehendDas Ende wirkt nach der langen Reise durch die Hölle etwas zu plötzlich und unkompliziertMeine Eindrücke beim LesenAlso geht er durch die Hölle.Und die Hölle ist wirklich höllisch.Tad Williams hat hier eine Unterwelt erschaffen, die mich tatsächlich beeindruckt hat. Nicht einfach nur ein Ort mit Feuer, Dämonen und ein bisschen allgemeinem Schwefelgestank, sondern eine unglaublich vielfältige und differenzierte Welt. Die verschiedenen Ebenen der Hölle haben mir besonders gut gefallen. Jede besitzt ihre eigene Atmosphäre, ihre eigenen Regeln und ihre eigenen Schrecken.Es gibt grauenhafte, unwirtliche Landschaften, monsterartige Wesen unterschiedlichster Art - wobei das schlimmste Monster auch hier der Mensch ist -, stinkende Sümpfe, bizarre Städte und Orte, an denen menschliche Abgründe sichtbar werden. Williams erzählt das so plastisch, dass man sich zwischendurch wirklich fragt, wie viel Fantasie ein Mensch eigentlich besitzen muss, um sich so etwas auszudenken.Und Bobby schlägt sich durch. Im wahrsten Sinne des Wortes.Immer wieder gerät er in Kämpfe mit den allerfinstersten Gestalten. Da fliegen die Fetzen, Körperteile und Blut in Strömen. Zum Glück kann man in der Hölle nicht sterben, sonst wäre es ein sehr kurzes Buch geworden. ¿ und nachwachsende Körperteile sind auch durchaus von Vorteil . Man schwankt beim Lesen regelmäßig zwischen Ekel und Bewunderung. Einerseits ist dieses Buch stellenweise ein einziges Schlachtfest. Zunächst langweilen die Kämpfe erstaunlicherweise nicht, weil Williams sie wirklich gut erzählt. Die Brutalität gehört zu dieser Welt und ist nicht einfach nur Selbstzweck. Ich bin ihr gegenüber irgendwann abgestumpft, was ich erschreckend fand.Besonders spannend fand ich die vielen Anspielungen auf Dantes Göttliche Komödie. Eigentlich erzählt Williams diese Reise durch die Hölle neu - mit Bobby Dollar als ziemlich untypischem Dante. Den Bezug zu Orpheus und Eurydike benennt Bobby übrigens selbst, was ich ziemlich witzig fand. ¿Auch die vielen Bezüge zur griechisch-römischen Mythologie haben mir gefallen. Die Asphodelien, die Flüsse der Unterwelt und natürlich die Neronische Brücke. Gerade Nero begegnet uns später wieder in der Hölle, und da blieb mir meine Schadenfreude über diesen Massenmörder doch tatsächlich im Hals stecken.Denn genau hier zeigt Williams seine Stärke: Der Himmel ist nicht automatisch gut und die Hölle nicht einfach nur böse. Und selbst Nero ist am Ende noch ein Mensch, dessen Schicksal Mitgefühl verdient. Das ist eine interessante und immer wiederkehrende Idee dieser Reihe.Viele der Verdammten, denen Bobby begegnet, leben in der Hölle im Grunde ihre eigenen Charakterschwächen weiter aus. Die sieben Todsünden, Faschismus, Machtgier, Selbstsucht und all die menschlichen Abgründe, mit denen Menschen sich schon zu Lebzeiten gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Williams bringt diese Eigenschaften in Bilder und Figuren, die teilweise grotesk, teilweise erschreckend und manchmal sogar überraschend nachvollziehbar sind. Ich fand es spannend, bei jeder neuen Begegnung zu überlegen, welcher menschliche Abgrund hier gerade dargestellt wird. Welche Hölle hat sich dieser Mensch eigentlich selbst erschaffen? Und warum schafft er es nicht, sich daraus zu befreien?Drei Geschichten in einem ZopfFür mich besteht Happy Hour in der Hölle eigentlich aus drei miteinander verbundenen Geschichten.Da ist zum einen BobbysReise durch die Hölle- fast wie eine moderne Version von Dantes Reise.Dann gibt es die Geschichte um dieIntrigen zwischen Himmel und Hölle. Bobby ist weiterhin in ein Netz aus politischen Machtspielen, Verrat und geheimen Absprachen verwickelt. Die Ereignisse aus dem ersten Band werden nahtlos weitergeführt, weshalb ich dringend empfehlen würde, Die dunklen Gassen des Himmels vorher zu lesen.Und schließlich ist da BobbysLiebesgeschichte.Bobby Dollar, beziehungsweise Doloriel, ist ohnehin kein typischer Engel. Einen Heiligenschein trägt er vermutlich nicht einmal dann, wenn er sich sehr anstrengt. Er ist eher ein heruntergekommener, zynischer Typ mit einerabgeklärten Noir-Detektiv-Erzählstimme und einem eher schwierigen Verhältnis zu den höheren Engeln.Jetzt wird er zusätzlich von einem verrückten, unaufhaltsamen Serienkiller verfolgt, der eigentlich längst tot sein sollte. Und seine große Liebe Caz befindet sich in der Gewalt des Höllenfürsten Eligor.Also beschließt Bobby, in die Hölle zu gehen und sie zu retten.Das ist durchaus heroisch. Und gleichzeitig muss ich sagen: Bobby, ernsthaft?Ich habe immer noch nicht ganz verstanden, an welcher Stelle diese grenzenlose Liebe zu Caz eigentlich entstanden ist. Die beiden kannten sich doch kaum. Ihre Beziehung war ausgesprochen kurz, und plötzlich rennt Bobby durch die komplette Hölle, als hätte er seine Seelenverwandte seit Jahrhunderten gesucht.Aber gut: Bobby lebt und handelt oft intensiv. Warum also nicht auch hier.. ¿Ich fand ihre Liebesgeschichte durchaus niedlich, vor allem Bobbys unerschütterlichen Optimismus und seine Ausdauer. Aber emotional konnte ich seine Motivation nicht immer vollständig nachvollziehen. Dafür war mir die Beziehung schlicht zu wenig entwickelt.Riprash - mein persönlicher FavoritDie spannendste Figur des Buches war für mich allerdings eindeutig Riprash.Ein Oger beziehungsweise höllischer Sklavenaufseher, der zunächst selbst Teil dieses brutalen Systems ist. Und dann entwickelt er sich zu einer Figur, die mich immer mehr überrascht hat.Riprash gehört zum sogenannten "Aufstieg", einer Gruppe von Verdammten, die an etwas glauben, das in der Hölle eigentlich völlig absurd klingt: Dass auch die schwersten Sünder irgendwann Erlösung finden können. Dass es einen Weg nach oben gibt.Und Riprash handelt danach.Er hilft Bobby und entwickelt im Laufe der Geschichte eine gewisse Loyalität zu ihm. Bobby vertraut ihm schließlich sogar Gob an, den Jungen, den er aus Abaddon gerettet hat.Besonders schön fand ich Riprashs Entwicklung gegen Ende. Er beschließt, mit seinem Schiff loszuziehen und die Botschaft des "Aufstiegs" weiterzuverbreiten. Er weiß, dass er sich damit gegen die höllischen Autoritäten stellt - und macht es trotzdem.Ich liebe übrigens das Nacht-Gebet dieser Sekte:"Vater unser im Himmel, gepeinigt werde kein Armer ..."Das ist gleichzeitig völlig absurd und erstaunlich berührend. ¿Und genau deshalb funktioniert Riprash für mich so gut. Williams spielt mit der Erwartung, dass in der Hölle das Hässliche böse und das Schöne gut sein muss. Bei Riprash ist es ziemlich genau umgekehrt.Gop und die Hoffnung in der HölleAuch Gop ist mir im Gedächtnis geblieben.Der junge Verdammte, den Bobby aus Abaddon herausholt, ist zunächst ein verängstigtes, stilles Kind, das fast wie ein kleines Tier wirkt. Verständlich, wenn man bedenkt, dass er praktisch in der Hölle geboren und aufgewachsen ist.Seine Verbindung zu Riprash fand ich besonders interessant. Gop lernt das Gebet des "Aufstiegs" und kann es am Ende bereits auswendig. Riprash nimmt ihn mit auf sein Schiff, um die Botschaft des "Aufstiegs" weiterzutragen.Gop ist keine Figur mit einer riesigen eigenen Handlung. Aber symbolisch funktioniert er hervorragend. Er steht für die Möglichkeit, dass selbst in der Hölle noch Hoffnung entstehen kann.Und das ist vielleicht einer der schönsten Gedanken dieses Buches: Dass selbst dort, wo alles verloren scheint, jemand anfangen kann, an etwas anderes zu glauben.Smyler - der Killer mit dem EngelversprechenSmyler ist ebenfalls eine Figur, die ich wahnsinnig interessant fand.Er hat gemordet, ist gestorben, zurückgekehrt und hat wieder gemordet. Ein ziemlich unaufhaltsamer Serienkiller also, der Bobby zunächst aus einem sehr konkreten Grund jagt.Kefas hat ihm in Aussicht gestellt, dass er selbst zum Engel aufsteigen könnte, wenn er Bobby tötet beziehungsweise die Feder zurückbringt.Diese Aussicht ist für Smyler ein gewaltiger Anreiz. Er verfolgt Bobby nicht einfach nur aus persönlicher Feindschaft, sondern weil er glaubt, damit eine Chance auf Erlösung zu bekommen.Im Verlauf der Handlung verändert sich jedoch seine Haltung. Smyler erkennt zunehmend, was Kefas tatsächlich von ihm verlangt und wie Bobby behandelt wird. Kefas benutzt seinen Wunsch nach Erlösung als Mittel, um ihn gegen Bobby einzusetzen.Und irgendwann kippt seine Loyalität.Smyler entscheidet sich bewusst gegen die Belohnung, die ihm versprochen wurde. Er weiß, dass er damit seine Chance auf den Aufstieg verspielt - und hilft Bobby trotzdem. Stattdessen stellt er sich gegen Niloch und dessen Leute.Das fand ich spannend, weil Smyler dadurch nicht plötzlich zum geläuterten Engel wird. Er bleibt der brutale Killer, der er ist. Aber er erkennt, dass Engel nicht automatisch gut sind. Und mit dem "Aufstieg" gibt es inzwischen eine Alternative, die ihm möglicherweise eine andere Form von Erlösung eröffnet.Ich mochte diesen Widerspruch sehr. Ausgerechnet der Mann, der Bobby töten wollte, weil man ihm dafür den Engelstatus versprach, entscheidet sich am Ende gegen dieses Versprechen.Bobby Dollar und das Problem mit den KonsequenzenSo sehr ich die Welt und die Handlung mochte, so wenig konnte ich mich manchmal mit Bobby als Hauptfigur arrangieren.Nicht, weil er unsympathisch wäre. Seine zynische Art und die Sam-Spade-Manier haben durchaus ihren Charme. Aber er ist über weite Strecken unglaublich planlos.Er ist eigentlich nur ein Spielball der Handlung. Er wird geschnappt, entkommt, wird wieder geschnappt, flieht erneut und landet irgendwie dort, wo der Autor ihn gerade braucht.Das funktioniert als Handlung durchaus. Aber echtes Mitfiebern kam bei mir nicht immer auf.Vor allem, weil ziemlich klar ist, dass Bobby sich irgendwie in den dritten Teil retten wird.Was mich noch mehr gestört hat: Bobby macht trotz all dieser Erlebnisse kaum eine Entwicklung durch.Bobby wird von Eligor wirklich heftig gefoltert. Nicht nur körperlich, sondern auch psychologisch. Zumindest bei mir kam die Folter auf allen Ebenen an. Und das Schlimmste daran: Er kann der Situation nicht entkommen, weil man in der Hölle nicht sterben kann.Das ist eine ziemlich grausame Vorstellung.Nach dieser langen Reise, den Kämpfen, der Gewalt und vor allem dieser Folter hätte ich erwartet, dass Bobby am Ende etwas mehr davongetragen hat. Dass er gezeichnet ist. Vielleicht traumatisiert, vielleicht verändert, vielleicht einfach nicht mehr derselbe.Aber nein.Er steckt das alles erstaunlich locker weg und schaut wieder nach vorne.Ich fand das etwas schade. Gerade wenn man bedenkt, dass Bobby ein Engel ist und die Erlebnisse trotzdem extrem sein müssen. Auch ein unsterbliches Wesen sollte nicht völlig unbeeindruckt aus einer solchen Erfahrung hervorgehen.Fazit & Empfehlung¿¿Happy Hour in der Hölle ist eine ungewöhnliche und faszinierende Fortsetzung, die vor allem durch ihre außergewöhnliche Welt punktet. Tad Williams zeigt eindrucksvoll, wie vielfältig und kreativ man eine Hölle gestalten kann, ohne sich auf die üblichen Klischees zu beschränken.Die Handlung verbindet eine Liebesgeschichte, eine spannende Reise durch die Unterwelt mit philosophischen Gedanken, mythologischen Anspielungen und politischen Intrigen zwischen Himmel und Hölle. Besonders die vielen kleinen Begegnungen und Nebenfiguren haben mir gefallen.Nicht ganz überzeugen konnte mich Bobby als Figur. Seine Liebesmotivation wirkt für mich etwas übertrieben. Trotzdem ist das Buch eine Empfehlung für alle, die intelligente Urban Fantasy mit schwarzem Humor, ungewöhnlichem Worldbuilding und philosophischen Untertönen mögen. Wer allerdings einen emotional tiefgreifenden Helden mit sichtbarer Charakterentwicklung erwartet, oder mit seitenlangen Beschreibungen von Bultbädern könnte sich an Bobby etwas die Zähne ausbeißen. ¿