Ein intensiver, emotionaler, bittersüßer und verdammt heißer Mindfuck. Es hat mich gleichzeitig verstört, berührt, aufgewühlt und begeistert
Manchmal gibt es diese Bücher, bei denen man am Ende einfach nur dasitzt und sich denkt: Was zur Hölle habe ich da gerade gelesen? Genau so ging es mir mit Pen Pal und ich meine das im absolut besten Sinne.Das Buch wurde mir von einer Freundin empfohlen, weshalb ich ohne jegliche Erwartungen an die Geschichte herangegangen bin. Dabei ist J.T. Geissinger für mich keineswegs eine Unbekannte: Mein erstes Buch von ihr war damals 'Nachtjäger', das ich regelrecht verschlungen habe. Umso schöner war es, nach all den Jahren wieder zu einem ihrer Werke zu greifen. Auch wenn ich mit dem, was mich in 'Pen Pal' erwarten sollte, im Leben nicht gerechnet hätte.Als absolute Slowreaderin brauche ich normalerweise länger für ein Buch. Für 'Pen Pa' habe ich gerade einmal anderthalb Tage gebraucht. Anderthalb Tage! Ich konnte es ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr aus der Hand legen. Die Geschichte entwickelte einen derartigen Sog, dass ich ununterbrochen wissen musste, wie es weitergeht. Je tiefer ich in die Seiten eintauchte, desto stärker wurde das Gefühl, dass hier irgendetwas ganz gewaltig nicht stimmte.Kayla hat ihren Ehemann verloren und versucht nun, irgendwie mit der erdrückenden Trauer und ihrem neuen Alltag klarzukommen. Sie ist eigentlich eine starke Frau, wirkt in ihrer Situation jedoch unglaublich verloren und orientierungslos. Eines Tages erhält sie einen Brief von einem Mann namens Dante. Er sitzt im Gefängnis und behauptet, sie zu kennen - Kayla hat jedoch noch nie von ihm gehört. Dennoch entwickelt sich zwischen den beiden ein intensiv gehaltener Briefwechsel.Parallel dazu tritt Aidan in ihr Leben, was die Situation keineswegs einfacher macht: Zwischen ihm und Kayla fliegen von der ersten Sekunde an nicht nur die Fetzen, sondern auch gewaltig die Funken. Während Kayla krampfhaft versucht, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, geschehen immer mehr merkwürdige Dinge, die sich kaum einordnen lassen. Die Atmosphäre wird zunehmend düsterer und unheimlicher, bis ich selbst nicht mehr wusste, was ich eigentlich glauben sollte. Und genau das habe ich geliebt.Ich war stellenweise wirklich verwirrt. Es tauchten plötzlich Elemente auf, bei denen ich mich fragte, was sie mit der Handlung zu tun hatten und wohin die Autorin mich führen wollte. Diese Verwirrung fühlte sich jedoch nie zäh oder langweilig an. Ganz im Gegenteil: Ich stellte pausenlos neue Theorien auf, versuchte die Puzzleteile zusammenzusetzen und lag gefühlt mit jeder einzelnen Idee komplett daneben.Besonders die Briefe von Dante haben mich wahnsinnig gemacht. Wer ist dieser Mann? Woher kennt er Kayla? Und was bezweckt er mit seinen Zeilen? Ich brannte auf Antworten, während das Buch mir gefühlt immer nur neue Fragen vor die Füße warf.Und dann kam das Ende. Meine Fresse!Dieser Twist hat mich eiskalt erwischt. Ich habe absolut nicht damit gerechnet. Ich saß danach Minuten lang einfach nur da und habe die Wand angestarrt, weil plötzlich so viele Kleinigkeiten rückwirkend einen Sinn ergaben. Dieses klassische "Moment mal ..."-Gefühl, wenn sich im Kopf Stück für Stück alles zusammensetzt. Genau dafür liebe ich Bücher! Man merkt im Nachhinein, wie geschickt die Autorin die ganze Zeit über Hinweise gestreut hat, ohne dass man sie greifen konnte. Ich muss diese Geschichte definitiv noch ein zweites Mal lesen, nur um zu sehen, wie viele Details mir beim ersten Durchgang entgangen sind.Was mich aber mindestens genauso begeistert hat wie der mysteriöse, übernatürliche Plot, war die Beziehung zwischen Kayla und Aidan. Die beiden! Ihr Gezanke habe ich unglaublich gefeiert. Die bissigen Wortwechsel, die knisternde Spannung und das ständige Hin und Her haben immens Spaß gemacht. Gleichzeitig steckt so viel Emotionalität in ihrer Dynamik, dass es für mich nie bloß um körperliche Anziehung ging.Und ja, dieses Buch hat Spice. Ziemlich viel sogar. Aber es ist verdammt guter Spice. Er fühlte sich nicht wie eine plumpe Aneinanderreihung expliziter Szenen an, sondern war stets tief mit der Beziehung und der Entwicklung der Charaktere verwoben.Aidan hat mir dabei besonders gut gefallen. Vielleicht sogar mehr, als ich erwartet hätte. Ich mochte sehr, dass er nicht als der vollkommen unrealistische, glattgebügelte Book-Boyfriend gezeichnet wird. Er hat Ecken und Kanten, besitzt aber eine Eigenschaft, die ich bei männlichen Figuren über alles schätze: emotionale Intelligenz. Er kann zuhören, zeigt echte Empathie, übernimmt Verantwortung und hat das Herz am rechten Fleck. Seine Attraktivität speist sich nicht nur aus seinem Aussehen oder Status, sondern aus seiner reifen, intensiven Ausstrahlung. Er ist ein erwachsener Mann, der weiß, was er will, und dennoch Gefühle zulassen kann.Auch Kayla fand ich faszinierend. Sie ist stark, doch man spürt in jedem Moment, wie tief sie ihr Schicksalsschlag getroffen hat. Ihre Trauer, Verzweiflung und Unsicherheit waren für mich greifbar nah. Auch wenn ich nicht immer mit ihren Entscheidungen einverstanden war, konnte ich ihr Handeln stets nachvollziehen.Überhaupt ist das Buch emotional viel schwerer und roher, als ich ursprünglich erwartet hatte. Es geht eben nicht nur um Spannung, Erotik und Mystery, sondern um Verlust, Einsamkeit, Sehnsucht und die Frage, wie sehr ein Trauma einen Menschen verändern kann. Gepaart mit der übernatürlichen Atmosphäre, die sich Stück für Stück aufbaut, gab es einige Szenen, die mir echte Gänsehaut beschert haben.Natürlich hat die Geschichte auch kleine Schwächen. Die vielen mysteriösen Stränge können stellenweise sehr verwirrend sein, und ich kann absolut nachvollziehen, wenn manch eine*r das Gefühl bekommt, den roten Faden zu verlieren. Auch manche Entwicklungen zwischen Kayla und Aidan gingen mir etwas zu schnell. Zudem lässt sich das Buch in keine klassische Schublade stecken. Wer eine reine, süße Romance erwartet, wird vermutlich überrascht sein.Für mich persönlich machte aber genau diese Unberechenbarkeit den Reiz aus. Ich wusste nie, was als Nächstes passiert, und konnte das Buch deshalb schlicht nicht weglegen.Mein dringender Rat: Lest vorher so wenig wie möglich über dieses Buch! Der Klappentext verrät zum Glück kaum etwas und auch das Cover lässt nicht erahnen, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt. Das ist absolut perfekt, denn 'Pen Pal' lebt davon, dass man selbst rätselt, Theorien baut und am Ende völlig unvorbereitet von der Wahrheit getroffen wird.Ich bin mit null Erwartungen gestartet und mit einem riesigen "WAS ZUR HÖLLE?!" wieder aufgetaucht.'Pen Pal' war für mich ein intensiver, emotionaler, düsterer, bittersüßer und verdammt heißer Mindfuck. Es hat mich gleichzeitig verstört, berührt, aufgewühlt und begeistert. Kinnlade runter. Wand angestarrt. Welt kurz nicht mehr verstanden.J.T. Geissinger hat mich eindrucksvoll daran erinnert, warum ich ihre Geschichten schon damals so geliebt habe. Ein Buch, das mich komplett überrascht hat und noch sehr lange in meinem Kopf herumspuken wird!