Lukas Rietzschel stellt seinem Roman einen Prolog mit einem Anklang an Otfried Preußler und eine alte sorbische Sage voran. Zehn Raben, die sich als Männer entpuppen, stoßen im Wald den alten Bismarck vom Sockel. Einer fehlt in ihrer Runde - Krabat, der einstige Protagonist in Preußlers Roman. Die anderen zehn Raben tauchen jedoch durch die Jahrzehnte immer wieder auf und werden zu Chronisten des Geschehens. Schauplatz ist der fiktive Ort Sanditz in der Lausitz, im östlichen Sachsen an der Abbruchkante zum Braunkohletagebau gelegen und wegen selbigem bereits nicht mehr am ursprünglichen Ort. Im Mittelpunkt stehen drei Generationen der Familie Wenzel/Moschnik, von denen die jüngsten, das Geschwisterpaar Tom und Maria, 2022 bereits schon Ende dreißig sind. Zwei Zeitebenen sind angelegt, die sich am Ende vereinigen. Eine beginnt 1978, die andere ist tagesaktuell. Und so, wie im Prolog unter den Raben Krabat fehlt, fehlt auch in der Romanhandlung ein Protagonist, denn die Geschichte wird von Tom und Maria, dem Vater Roland und dem Onkel Dirk zu etwa gleichen Teilen getragen. Den anderen Familienmitgliedern fallen etwas kleinere Parts zu. Am Anfang habe ich etwas gerätselt und musste mich erst einleben in den Roman, als sich die Handlungsfäden aufeinander zu entwickelten. Oder sollte ich eher umgekehrt sagen, das Knäuel wickelte sich ab? Denn nicht alle Zusammenhänge sind sofort transparent, sondern greifen erst allmählich ineinander. Der Roman spannt einen großen Bogen und vereinigt viele Themen, die für das Leben in der DDR und die Nach-Wende-Jahre von Bedeutung waren. Der Braunkohletagebau, der nicht nur das fiktive Sanditz ein paar Kilometer auf der Landkarte verschob. Bausoldaten (die Waffendienst-Verweigerer der DDR), die ua auf Rügen den Hafen Mukran bauten und zugleich mit offensichtlich sehr sinnlosen Arbeiten beschäftigt und gedemütigt wurden. Homosexuelles Leben in der DDR, was dort schon viel früher als im Westen nicht verboten war, aber trotzdem nicht offen gezeigt wurde. Kirchliche Aktivitäten, die auch das Abschreiben verbotener Bücher umfassten. Das Besetzen der Partei- und Stasi-Zentralen, um die massenhafte Vernichtung von Stasi-Akten zu verhindern. Der westdeutsche Blick auf Ostdeutsche, die in den Westen gehen, zB zum Studium, wie Maria, und wie Exoten angesehen werden, ein Klischee, dass sie dann selbst bedienen und sich zu "der Mandy aus Dresden" machen, weil sie das Erklären leid sind. Schließlich die Corona-Jahre und der Krieg in der Ukraine. Wer einen klassischen Spannungsbogen erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden, denn der Roman verhandelt das Leben mit all seinen Facetten, (Un-)Möglichkeiten sowie Höhen und Tiefen, zuweilen auch den tiefen Fall, und das macht er mE sehr gut. Er zeigt auf, dass nicht alles in der DDR von früh bis spät politisch dominiert wurde, und dass zugleich doch alles politisch war. Erzählt von Höhenflügen, Absturz und unsanftem Aufprall, von Resignation, Fatalismus und einem sich Einrichten in die Gegebenheiten. Aber, in der Person von Dirk, auch davon, dass es nach all diesen Erfahrungen doch noch eine gute Zukunft geben kann. "Sanditz" ist ein groß angelegtes Gesellschaftspanorama, konzentriert auf eine Familie und deren Beziehungsgeflecht. Dabei empfinde ich die einzelnen Schicksale gar nicht spezifisch ostdeutsch, denn die Personen hatten vor der Wende nicht so richtig einen Platz in der Gesellschaft, und danach auch nicht, und das ist ein durchaus universelles Schicksal. Womöglich fiel das in der DDR nur nicht so auf, weil dort jeder irgendwie ein Rädchen im Getriebe war. Lukas Rietzschel, Jahrgang 1994 im Raum Kamenz geboren und aufgewachsen, ist eine große Stimme in der aktuellen deutschen Literatur. Er hat im Westen und im Osten studiert und lebt heute in Görlitz. "Sanditz" ist bereits sein dritter Roman. Sein Erstling "Mit der Faust in die Welt schlagen" von 2018, in dem es um das Aufwachsen in der Nach-Wende-Ära geht, ist inzwischen verfilmt worden. "Sanditz" steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2026.