Wer bereits Romane von Alex Schulman gelesen und sich mit seiner Vita beschäftigt hat, weiß, dass der Autor autofiktionale Stoffe in seinem Werk verarbeitet. So könnte es auch hier sein, denn Dreh- und Angelpunkt ist das gestörte Verhältnis zwischen dem Sohn und seiner alkoholabhängigen Mutter.Vidar ist längst erwachsen, hat ein intaktes soziales Umfeld und arbeitet als Lehrer in einer schwedischen Mittelschule. In einer Schulpause kommt es zum Eklat: Vidar muss prügelnde Schüler voneinander trennen. Dabei packt er den Delinquenten Mellberg zu grob an. Der Teenager leistet Widerstand und beschwert sich ¿ Vidar bricht in Tränen aus und erleidet einen Blackout: er kann sich an keine Details zum Hergang mehr erinnern. Es gibt zahlreiche Handy-Videos, die den Vorfall erfassen und zu Vidars Beurlaubung vom Schuldienst führen. Dieser wiederum rätselt, was sein emotional ungewohntes Verhalten konkret ausgelöst haben könnte und vermutet einen Trigger aus der Vergangenheit.Die Suspendierung schenkt Vidar Zeit, um Erinnerungslücken zu füllen und in Erinnerungen zu forschen. Dabei fällt ihm die alte Telefonnummer zum Ferienhaus in die Hände, in dem er als Kind viele Sommer gemeinsam seiner Familie verbrachte. Vidar wählt aus einer Laune heraus die Nummer und erreicht seinen längst verstorbenen Vater. Später spricht er auch mit seiner Mutter, der Schwester und seinem eigenen kindlichen Ich. Es stellt sich heraus, dass Vidar immer an demselben Tag anruft, am 17. Juni 1986, als er neun Jahre alt war. Irgendein Schlüsselerlebnis fand genau an diesem Tag statt, um das sich familiäres Schweigen hüllt und das sich seinem eigenen Bewusstsein entzieht. Mit Hilfe der Anrufe und gezielter Nachfragen versucht Vidar, den Tagesablauf zu rekonstruieren und den Grund für seinen Aussetzer zu finden.Auch in der Gegenwart lässt den Lehrer der Aufklärungsdrang nicht los. Er will eine Auflösung erzwingen, indem er wiederholt den Schüler Mellberg aufsucht. Vidar widersetzt sich den Ratschlägen der Polizei sowie einer befreundeten Kollegin. An seiner Wohnzimmerwand entsteht nach und nach ein verwirrendes ¿Fahndungsnetz¿ mit Hinweisen, Erinnerungen und Ergebnissen seiner Recherchen.Akribisch werden immer mehr Puzzlesteine aus Vidars Kindheit in einem dysfunktionalen Umfeld zusammengetragen. Man bekommt den Eindruck, dass seine Besessenheit ungesunde Ausmaße annimmt, was dem Roman eine kontinuierliche subtile Spannung verleiht. Den möglichen Verlust seines Arbeitsplatzes nimmt Vidar dabei billigend in Kauf, er gerät zunehmend in eine Art Rausch.Schulman schreibt sachlich, findet aber beeindruckend starke Szenen, Sätze und Bilder, die das Verhandelte auf intensive Weise transportieren. Der Roman wird von einer unaufdringlichen Symbolik durchzogen. Ebenso wie Vidar selbst lauert man als Leser auf weitere Antworten, die das erlittene Trauma erhellen. Während des Lesens wird man zwischen Verständnis und Irritation hin- und hergeworfen. Schulman konstruiert keine Helden, sondern vielschichtige Figuren mit Ecken und KantenIch gestehe, dass ich zunächst Schwierigkeiten mit den surrealen Telefonaten in die Kindheit hatte. Sie sind ein interessantes Stilmittel, denn wer würde nicht gern mit seinem alten Ich in Verbindung treten? Auch wenn ich generell Schwierigkeiten mit magischem Realismus habe, konnte mich dessen Einsatz in diesem Fall überzeugen. Schulman versteht es dadurch, die zwei Zeitebenen sinnvoll zu verknüpfen.¿Jetzt beginnt das Leben¿ ist ein fesselnder, psychologisch fein austarierter Roman, der eindrucksvoll belegt, wie stark erlittene Traumata lebenslang fortwirken. Er eignet sich bestens für Lesekreise und wurde stimmig von Hanna Granz aus dem Schwedischen übersetzt.