Glas trennt nicht vollständig. Man kann hindurchsehen, Nähe wahrnehmen und bleibt doch auf der anderen Seite.
Glas trennt nicht vollständig. Man kann hindurchsehen, sogar Nähe wahrnehmen und bleibt doch auf der anderen Seite. Für Novana ist genau dieses Dazwischen ein Lebensthema." Glaszeit" von Leh Wei Liao hat mich in Novanas Gedankenwelt hineingezogen. Novana lebt in Taipei und arbeitet auf einer Frühgeborenenstation. Als sie dort zufällig auf das Plakat für eine Kunstausstellung ihrer Mutter stößt, die sie seit 18 Jahren nicht gesehen hat, holt ihre Vergangenheit sie wieder ein.Novana wurde als Jugendliche von ihrer Mutter verlassen und wuchs anschließend bei einer Pflegefamilie in Deutschland auf. Diese Familie hat sich um sie gekümmert. Man spürt hier, dass Fürsorge allein keine Zugehörigkeit schafft. Novana nennt ihren Pflegevater bis heute nicht beim Namen, sondern nur Prof. Auch ihre Mutter bezeichnet sie auffällig distanziert als "M". Für mich steckt darin viel von dem, was zwischen ihnen steht. Sie ist zwar ihre Mutter, aber zwischen ihnen liegt eine Distanz, die sich über die Jahre nicht einfach aufgelöst hat.Besonders mochte ich, wie sich Novanas persönliche Geschichte mit ihrer Arbeit auf der Frühgeborenenstation verbindet. Hinter den Glaswänden der Inkubatoren geht es ständig um Nähe, um Bindung und um die ersten Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern. Gleichzeitig trägt Novana ihre eigene Geschichte mit sich und damit auch die Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn diese Verbindung plötzlich abreißt. Diese Verbindung zwischen ihrem Beruf und ihrer eigenen Geschichte fand ich sehr stimmig.Als Novana auf die Ausstellung ihrer Mutter stößt, wird auch ihre Vergangenheit wieder lebendig. Ihre Mutter bleibt dabei eine schwer greifbare Figur. Novana versucht, sich aus den Erinnerungen, den wenigen Antworten und den Spuren, die ihre Mutter hinterlassen hat, ein eigenes Bild zusammenzusetzen."Glaszeit" gibt nicht alles vor. Vieles bleibt bewusst offen. Genau das hat mir gefallen, weil ich als Leserin immer wieder selbst weiterdenken musste. Die Fragen nach Herkunft, Identität und Zugehörigkeit ziehen sich durch den gesamten Roman.Ich mochte die verschiedenen Zeitebenen, die Einblicke in das Leben in Taipei und die vielen fachlichen Details aus dem Klinikalltag. Auch die Mandarinpassagen haben für mich gut funktioniert. Sie haben die Atmosphäre verstärkt, ohne dass ich die Sprache verstehen musste.Was mir allerdings gefehlt hat, war die Perspektive der Mutter. Wir erleben sehr intensiv, was ihr Weggang mit Novana gemacht hat, aber kaum, warum sie ihre Tochter damals verlassen hat. Gerade diese Seite hätte mich sehr interessiert. Aber auch hier bekommt man immer wieder Andeutungen und eine Ahnung, warum sie sich für diesen Bruch entscheiden hat.Am Ende ist Novana für mich eine Figur geblieben, über die ich noch nach der letzten Seite nachgedacht habe. Nicht, weil der Roman mir alles erklärt, sondern gerade weil er mir manches offenlässt. Ich hätte gern noch mehr über ihre Mutter erfahren. Außerdem fühlt sich "Glaszeit" ein bisschen wie der Anfang einer Geschichte an, die noch nicht zu Ende erzählt ist und hätte Novanas Weg gerne noch ein Stück begleitet. Nicht, weil mir etwas gefehlt hätte, sondern weil ich nach dieser Geschichte einfach wissen wollte, wohin ihr Weg sie noch führt.