literarisch interessant und wirkungsvoll, aber als Roman überzeugt mich die Konstruktion nicht.
Eddy wächst in einem kleinen Dorf in der Picardie auf. Früh merkt er, dass er nicht der Junge ist, der von ihm und seiner Umgebung erwartet wird. Édouard Louis erzählt seine Geschichte bis zum Übertritt ins Gymnasium in Amiens, den Eddy als Befreiung von der dörflichen Enge und seiner dysfunktionalen Familie erlebt.Die Figurenzeichnung ist eindimensional und schablonenhaft. In "Das Ende von Eddy" gibt es kaum eine positive Figur, weder in der Familie noch im Dorf. Die Menschen sind keine Individuen, sondern Typen: der Vater, ein ständig trinkender Tyrann; die Mutter, eine empathielose Verräterin; die brutalen Mitschüler; das dumpfe Dorf. Sie handeln nicht aus eigener Persönlichkeit heraus, sondern scheinen nur ein Verhaltensprogramm ihres Milieus abzuspulen.Nun mag man einwenden: Louis hat es eben so erlebt. Aber selbst ein autobiografisch geprägter Roman ist keine Zeugenaussage. Der Autor hat Erlebnisse ausgewählt und sprachlich gestaltet. Und er wählt auffallend konsequent das Hässliche, Demütigende und Brutale.Dabei bedient er sich eines Erzählverfahrens, das ich als manipulativ erachte: Er stellt eine Behauptung über eine Person oder ein Milieu auf und liefert unmittelbar danach das passende Zitat als Beweis. Der Leser bekommt kaum Gelegenheit, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Äusserungen der Figuren dienen als Beweisstücke für die Anklage.Verstärkt wird dieser Effekt durch die Sprache. Der Ich-Erzähler reflektiert auf einem deutlich höheren Sprachniveau als die Menschen, die er zitiert. So entsteht nicht nur ein sozialer, sondern auch ein sprachlicher Abstand. Die Figuren erscheinen dadurch nicht nur moralisch und sozial, sondern auch intellektuell unterlegen.Diese Radikalität ist wirkungsvoll, wuchtig und scheinbar ohne jede Beschönigung. Aber gerade darin liegt für mich auch die Schwäche des Romans: Er will nicht erzählen, sondern anklagen. Seine Herkunft erscheint als nahezu geschlossenes System aus Gewalt, Dummheit und Ausgrenzung. Widersprüche, Ambivalenzen und menschliche Zwischentöne lässt er kaum zu."Das Ende von Eddy" ist deshalb für mich eine radikale Anklageschrift - und zugleich eine literarische Vergeltung für den Verrat, den Eddy erfahren hat.