Hannah wacht ohne Erinnerung auf an ihr Leben oder was mit ihr passiert ist. Sie ist gefesselt und fühlt Schmerzen in ihrer Seite und im Bad steht ein Serienkiller unter der Dusche. Dieser plant, sie zu seinem nächsten Opfer zu machen, denn in seinen Augen ist sie schuldig, ihre gesamte Familie getötet zu haben
Ich gestehe, dies ist mein erster reiner Fitzek. Nach dem Desaster mit Rem wollte ich unbedingt wissen, wer von den beiden Autoren wohl den wirklich hervorragenden Prolog geschrieben hatte, ehe die ganze Geschichte ein Griff unter die Kloschüssel wurde. Nach der Lektüre bin ich mir nicht ganz so sicher, ob meine Vermutung, dass Fitzek diesen Prolog schrieb, tatsächlich stimmt.
Vor einigen Jahren lief eine Serie recht erfolgreich im deutschen TV. Eine US-Serie, die leider nach drei Staffeln eingestellt wurde mit dem Titel Lie to Me. Ich war ein großer Fan dieser Serie, in der es, ebenso wie in diesem Roman, um Mikromimik geht, durch die Verbrechen aufgeklärt werden. Allerdings war ich, nachdem ich einige Zeit später eine Dokumentation über dieses Thema, in der diese Theorie sehr kritisch behandelt wurde, der Meinung, das ganze habe sich im Sande verlaufen. Offensichtlich wohl doch nicht, denn dieser Roman erschien 2023, lange nach der Dokumentation oder Lie to Me.
Mikrogesten und -mimik ist etwas, was wir alle nicht steuern können. Es sind kleine Hinweise unseres Körpers, die angeblich darüber Auskunft geben, ob wir lügen oder die Wahrheit sagen in vereinfachter Form. Sie sollen noch viel mehr ausdrücken können, so die Theorie. Ob diese tatsächlich Bestand hat kann ich nicht beurteilen. Aber zumindest die Theorie klingt spannend.
Hannah, die an einer seltenen Nebenwirkung auf gängige Narkosemittel leidet, erwacht also in einem Motelzimmer ohne jegliche Erinnerung, aber mit einer vernähten Narbe. Sie selbst weiß weder, wer sie ist, noch wie sie in diesen Raum gekommen ist. Dies wird ihr erst durch ihren Entführer mitgeteilt, der ihr auch noch als Beweis ein YouTube-Video von ihrem Geständnis zeigt.
Ich lasse jetzt einmal die rechtlichen Probleme mit einem solchen öffentlichen Geständnis außen vor. Gelten würde es im deutschen Strafrecht nicht, soviel kann ich sagen. Aber ich lasse dem Autoren hier seine künstlerische Freiheit. Denn eines würde ein solches, der Öffentlichkeit zugängliches Geständnis auf jeden Fall bringen: eine Menge Hass der Person gegenüber, die dieses Geständnis geleistet hat.
Die Handlung spielt, bis auf die letzten ein, zwei Kapitel, alle an einem Abend und bis in die Nacht hinein. Eine interessante Entscheidung, die auf jeden Fall das Buch schneller macht, als es tatsächlich ist.
Die Figuren sind mir persönlich zu eindimensional muss ich zugeben. Hannah ist nur gut, ihr Entführer ist schlicht ein Psychopath, der eifersüchtig auf ihren Medienruhm ist. Er ist ein entflohener Gefangener, der sie benutzt hat, um aus dem Gefängnis auszubrechen. Und nein, er ist nicht für ihre Verletzung verantwortlich.
Der eigentliche Serienmörder, der Fischermann, um den es geht, ist eigentlich recht schnell aufgedeckt, auch wenn Zweifel bleiben. Doch die Tatsache mit dem MRT-Bildern grenzt die Verdächtigen gefährlich ein. Überrascht war ich am Ende nicht, als die Wahrheit herauskam.
Mordende Kinder und Jugendliche sind zwar ungewöhnlich, kommen aber vor, insofern war der letzte Punkt für mich auch nicht wirklich überraschend. Dass der Junge überlebt hatte und da Hannah nicht die Mörderin ihrer Familie war, blieb nur er.
Alles in allem muss ich gestehen, ich war nicht überzeugt von diesem Roman. Vielleicht habe ich einfach in meinem Leben schon zuviel gelesen, ich weiß es nicht. Aber letzten Endes konnte ich mir alles vor den jeweiligen Plot-Twists denken, was dem Roman dann ziemlich die Spannung nahm.