3,5 Sterne
Nach der Flucht aus einer toxischen Beziehung versucht Sophie Roth, sich ein neues Leben aufzubauen. Zunächst findet sie Unterschlupf in einem verlassenen Bauwagen im Wald, bis ihr ein lukrativer Auftrag als Fotografin für die wohlhabende Familie Grafinger endlich die Möglichkeit bietet, sich ein kleines Studio zu mieten, das zugleich ihr Zuhause werden soll. Doch schon bald fühlt Sophie sich beobachtet und verfolgt. Jemand lauert im Dunkeln, macht heimlich Fotos von ihr und schickt sie an merkwürdige Orte. Als sie schließlich die Porträts der Grafingers entwickelt, entdeckt sie darauf ein Gesicht, das sie seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Seit jener Nacht, in der ihr Vater ermordet wurde. Was steckt hinter den unheimlichen Ereignissen, und wie hängt alles mit Sophies Vergangenheit zusammen?
Blut für Blut hat eine wirklich spannende Grundidee, die mich neugierig gemacht hat. Besonders gut gefallen hat mir dabei die Atmosphäre, die Anna Schneider von Anfang an schafft. Es liegt ständig eine unterschwellige Bedrohung in der Luft, man fühlt sich beim Lesen unwohl und hat immer das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Gerade diese beklemmende Stimmung passt hervorragend zur Geschichte und sorgt dafür, dass man auch bei den zunächst eher ruhigen Ereignissen aufmerksam bleibt.
Allerdings braucht die Handlung für meinen Geschmack etwas, um richtig in Fahrt zu kommen. Zu Beginn passiert abgesehen von Sophies Flucht und den ersten seltsamen Vorfällen noch nicht allzu viel. Auch das Gesicht, das bereits im Klappentext angeteasert wird, taucht für meinen Geschmack viel zu spät auf. Sobald es so weit ist, überschlagen sich die Ereignisse jedoch zunehmend und die Geschichte entwickelt einen richtigen Sog. Ab diesem Punkt wollte ich unbedingt wissen, wie alles zusammenhängt und was wirklich hinter der Bedrohung steckt.
Die Hintergründe und der eigentliche Fall waren für mich spannend und insgesamt gut durchdacht. Besonders gelungen fand ich die unterschiedlichen Perspektiven, durch die man Sophie sowohl in der Gegenwart als auch in jener Nacht vor zwanzig Jahren begleitet. Dadurch bekommt man nicht einfach nur erzählt, was damals passiert ist, sondern kann sich besser in die Ereignisse hineinversetzen und selbst Vermutungen anstellen.
Beim Ende hatte ich allerdings gemischte Gefühle.
Große Teile der Auflösung waren für mich bereits recht früh vorhersehbar. Gerade was hinter den Geschehnissen jener Nacht vor zwanzig Jahren steckt, konnte ich mir relativ schnell zusammenreimen. Es erschien mir teilweise so offensichtlich, dass ich mich gefragt habe, warum Sophie selbst nicht früher darauf kommt. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass man als Leser*in bestimmte Hinweise anders wahrnimmt.
Dafür konnte ich lange nicht durchschauen, wer tatsächlich hinter der aktuellen Bedrohung steckt und was dessen Beweggründe sind. In dieser Hinsicht hat mich die Geschichte durchaus überrascht und zum Miträtseln gebracht. Die letztendliche Auflösung fand ich außerdem logisch und nachvollziehbar, auch wenn dabei einige Zufälle eine Rolle spielen. Das hat mich persönlich nicht allzu sehr gestört.
Mit Sophie selbst bin ich dagegen nicht ganz warm geworden. Grundsätzlich fand ich sie sympathisch, allerdings war sie mir stellenweise etwas zu naiv. Gerade angesichts der merkwürdigen Ereignisse und der zunehmenden Bedrohung hätte ich mir mehr Misstrauen und eine kritischere Reaktion gewünscht. Manche ihrer Entscheidungen konnte ich deshalb nicht ganz nachvollziehen. Auch ihr Umgang mit bestimmten Aufträgen und Situationen hätte für mich etwas hinterfragender ausfallen dürfen.
Fazit
Blut für Blut ist ein atmosphärischer Thriller mit einer spannenden Grundidee, einer gelungenen, beklemmenden Stimmung und interessanten Einblicken in die Vergangenheit der Protagonistin. Zwar braucht die Geschichte etwas, um richtig Fahrt aufzunehmen, entwickelt danach aber einen guten Spannungsbogen. Insgesamt ein solider, spannender Thriller, der mich gut unterhalten hat, mich aber nicht in allen Punkten überraschen konnte.